D a sL i b e r a l eT a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
12. November 2009 Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Das Wort hat jetzt der Kollege Otto Fricke
von der FDP-Fraktion. Geschätzter Vizepräsident! Meine lieben Kolleginnen und
Kollegen! Zu Ihrer Pauschalkritik in den letzten Tagen sage ich: Wenn Sie
intelligente Kritik anbringen würden, wäre es ja gut. Aber bei Ihnen ist das
doch so: Selbst wenn die Kanzlerin und der Vizekanzler über Wasser laufen
könnten, dann würde Ihnen nur einfallen: Guckt mal, die können nicht
schwimmen. So ungefähr ist inzwischen Ihre Kritik an dieser neuen Koalition. (Beifall bei der FDP … ) Eine Analyse der Lage betreiben Sie gar nicht. Das hätte
ich von Rot-Grün und auch von den Linken ein wenig erwartet; von den Linken
natürlich weniger. Wie sieht denn die Analyse der Lage aus? Die Verschuldung
des Bundes wird dieses Jahr über 1 Billion Euro hinausgehen, und zwar
nicht deswegen, weil das die neue Koalition so gemacht hätte, sondern weil es
insbesondere eine Hinterlassenschaft von elf Jahren SPD-Regierung ist. Das
darf man doch auch noch einmal deutlich sagen. (Beifall bei der FDP … ) 350 Milliarden Euro Neuverschuldung gab es unter der
Regierung der SPD. Die Grünen haben kräftigst mitgemacht. Schauen wir uns noch an, welche Verschuldung Sie uns für
die nächsten Jahre mitgegeben haben. Herr Kollege Scheelen, Sie haben es
richtig gesagt: Das hätte jeden getroffen, der als Nächster Finanzminister
geworden wäre. Aber schauen wir uns die von der SPD mitbeschlossene Finanzierungslücke
für den Finanzplan der nächsten Jahre an. Das sind noch einmal
300 Milliarden Euro, mit denen Sie diese neue Koalition belasten. Zusammen sind das 650 Milliarden Euro, für die die
SPD nach gegenwärtigem Stand Verantwortung trägt und gegen die wir arbeiten
müssen. (Beifall bei der FDP … ) Woran liegt denn das? Was ist denn das eigentliche
Problem? Jetzt tun hier alle auf einmal so, als sei das eigentliche Problem
die Steuersenkungen. Das Problem ist die Verschuldung der Vergangenheit, die
man uns hinterlassen hat. Das Problem sind die Schulden der Vergangenheit. (Beifall des Abg. Hans-Michael Goldmann (FDP)) Die Steuersenkungen dagegen, meine lieben Kolleginnen und
Kollegen von der Opposition, sind ein Teil der Lösung. Das einzusehen, sind
Sie aber nicht bereit. (Beifall bei der FDP … ) Was müssen wir tun? Wir müssen auf Wachstum setzen. Wir
müssen uns über die Qualität des Wachstums unterhalten; das ist gar keine
Frage. Wir dürfen nicht an Wachstum alleine glauben, aber ohne Wachstum
werden wir es nicht schaffen. Nun komme ich zum Unterschied zwischen Ihrem
Denken und unserem Denken. Wir setzen beim Wachstum auf den Bürger, auf den
Unternehmer und damit auf den Markt und nicht auf den Staat, der vorgibt, wie
Wachstum entstehen soll. Denn das - das hat die Vergangenheit
gezeigt - funktioniert nicht. (Beifall bei der FDP) Ich will Ihnen zur Erklärung der aktuellen Situation noch
ein Bild nennen, auch um das für die Zuschauer ein bisschen zu verdeutlichen.
Dieses Land steht vor einem Graben, der durch eine Finanz-
und Wirtschaftskrise entstanden ist. Was machen Sie, wenn Sie vor dem Graben
stehen? Die Linken sagen erst einmal: Den Graben gibt es gar nicht, das ist
alles Quatsch, und dahinter fließen Milch und Honig. - Die Grünen diskutieren
erst einmal über die Frage, ob irgendetwas Schützenswertes in dem Graben ist.
Die SPD geht einfach einen Schritt vorwärts und fällt hinein. (Heiterkeit und Beifall bei der FDP) Was macht die Koalition? Die Koalition sagt: Wenn man vor
einem Graben steht, dann muss man erst zwei Schritt zurückgehen und Anlauf
nehmen, um darüber zu kommen. Dies ist nur durch Entlastung der Bürger und
der Unternehmen möglich. Auch deswegen wollen wir diese Entlastung. (Beifall bei der FDP … ) Noch ein weiterer Punkt: Was ist unsere Aufgabe im Rahmen
der Finanz- und Wirtschaftspolitik in Europa? Sie erinnern sich doch bestimmt
noch daran, wie von Deutschland gesprochen wurde: Wir seien der kranke Mann,
wir seien der große Tanker, den man mitschleppen müsse. Das haben wir
geändert; das sage ich auch anerkennend in Richtung SPD. Durch Reformen auf dem Arbeitsmarkt, durch Einbringung von
Ansätzen einer Kapitaldeckung im Bereich der Altersvorsorge und durch vieles
andere mehr haben Sie mit dafür gesorgt - das wird sicherlich einmal in
den Geschichtsbüchern stehen -, dass dieser kranke Mann vorangekommen
ist. Jetzt fallen Sie wieder in die alten Regeln zurück und
sagen: Wir sollten nichts verändern, den Finanzplan hinnehmen und einfach mal
schauen, ob es irgendwie geht. Dabei wissen Sie doch ganz genau: Wir werden
nur vorankommen, wenn wir Reformen durchführen. Wir müssen der Eisbrecher für
Europa sein, der dafür sorgt, dass wir durch diese Krise kommen. Dafür
brauchen wir eine Steuerreform. (Beifall bei der FDP … ) Herr Minister Schäuble, auch ich beglückwünsche Sie in dem
Maße, in dem ein Haushälter einen Finanzminister zu einem solchen Amt
beglückwünschen kann, zu alledem, was da noch kommen wird. Sie haben bei
Ihrer Amtseinführung - ich habe Ihren Worten sehr wohl gelauscht -
sehr klar und präzise gesagt: Ich bringe den Mitarbeitern des
Finanzministeriums Vertrauen entgegen bis zum Beweis des Gegenteils. - Für
die FDP-Fraktion gilt im Verhältnis zu unserem Finanzminister genau das
Gleiche. Ich bin mir sicher, dass das Gegenteil niemals eintreten
wird. (Beifall bei der FDP … ) Zum Schluss zum Steuersystem. Herr Minister Schäuble, Sie
haben gesagt - das ist heute in der Rheinischen Post zu lesen -,
ein grundlegend neues Steuersystem sei nicht Teil der Vereinbarung. Natürlich
können wir in semantischer Hinsicht über das Wort ?grundlegend?
streiten. Wenn aber in der Koalitionsvereinbarung
steht, ohne Bedingung und ohne Konjunktiv, dass wir den Umbau des
Steuersystems hin zu einem Stufentarif vornehmen werden, und wenn die
Kanzlerin sagt, dass wir ein einfacheres, niedrigeres und gerechteres
Steuersystem wollen, dann ist das, jedenfalls für die FDP-Fraktion, ein
grundlegend neues Steuersystem. Darauf freuen wir uns. |