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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D. zum Gelöbnis
der Rekruten vor dem Reichstag am 20. Juli 2008 Lassen Sie mich zunächst Ihnen, Herr Bundesminister,
für die Einladung danken, in der heutigen Feier das Wort zu ergreifen. Ich
tue das mit innerer Bewegung. Denn heute vor über 70 Jahren bin ich selbst
Rekrut gewesen. Und es liegt auch schon fast vier Jahrzehnte zurück, daß ich
als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt zu unseren Soldaten sprechen
durfte. Heute will ich mich besonders an die Rekruten wenden
und will versuchen, ihnen ein kleines Stück meiner eigenen geschichtlichen
Erfahrung vorzutragen. 1937 bin ich als Wehrpflichtiger eingezogen worden.
Damals habe ich die nationalsozialistische Führung Deutschlands für verrückt
gehalten und habe sie als ein Übel betrachtet. Aber daß sie aus Verbrechern
bestand, das habe ich noch während des Hitlerschen Weltkrieges nicht
begriffen. Erstmals als ich im Herbst 1944 als Zuhörer zum so genannten
Volksgerichtshof abkommandiert war und dort einen Tag des unmenschlichen
Schauprozesses gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli miterleben mußte.
Erst da habe ich angefangen, den verbrecherischen Charakter des „Dritten
Reiches“ zu begreifen. Jedoch habe ich danach gleichwohl als kämpfender
Soldat weiterhin meine Befehle und Pflichten befolgt – so wie Millionen
anderer Soldaten auch. Damals, in den letzten sieben oder acht Monaten des
Krieges, sind zivile Bürger und Soldaten in größerer Zahl um ihr Leben
gebracht worden als vorher während der ganzen ersten
sechs Jahre des Krieges. Diese ungeheuren Opfer aus fast allen europäischen
Völkern waren absolut sinnlos, denn unser schließlicher Zusammenbruch war
längst erkennbar. Auch wenn das Attentat auf Hitler geglückt wäre – das
katastrophale Ende war gleichwohl gewiß. Trotzdem haben wir weitergekämpft.
Und die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Rüstung haben weitergearbeitet.
Denn in den Schulen, in den Kirchen und in den Fabriken waren wir zum
Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Staat erzogen und gedrillt worden. Vor allem
aber hatte jedermann Angst vor der Gestapo und vor dem Kriegsgericht. Schon seit 1941, seit unserem Überfall auf die
Sowjetunion, ist mir klar gewesen, damals zwanzig Jahre alt, daß Deutschland
den Krieg verlieren würde. Er würde in einer Katastrophe enden. Gleichwohl
blieb ich patriotisch gesonnen und glaubte: Wenn mein Land im Krieg ist, dann
muß ich als Soldat meine Pflicht erfüllen. Das hatte ja mein Vater 1914
genauso getan. Die meisten der Frauen und Männer vom 20. Juli 1944
waren weitgehend ähnlich erzogen worden. Was sie aber vor vielen Millionen
Deutscher auszeichnete, das war ihre Überzeugung, daß es gleichwohl ihre
moralische Pflicht war, wenigstens einen letzten Versuch zum Staatsstreich zu
unternehmen. Manche von ihnen haben geahnt oder gewußt, daß selbst ein
geglückter Staatsstreich die Katastrophe nicht mehr abwenden konnte. Tresckow
hat es gewußt – und hat gesagt: „Ja, trotzdem!“ Ähnlich Stauffenberg, der
Julius Leber zum Reichskanzler machen wollte. Leber aber wußte auch: In jedem
Falle wird die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unausweichlich.
Tatsächlich hat später die Kapitulation das Schicksal unseres Volkes in die
Hände der siegreichen Feinde gelegt. Wenn heute drei Bundesverteidigungsminister
nacheinander die Verbindung des Gedenkens an den 20. Juli 1944 mit dem
feierlichen Gelöbnis von heutigen Rekruten als eine Tradition geschaffen
haben; wenn inzwischen neben deutschen Politikern auch hervorragende
Repräsentanten der Polen und der Franzosen, der Engländer und der Amerikaner,
der Norweger und der Holländer sich als Redner an dieser Tradition beteiligt
haben, so haben sie damit die heroische moralische Leistung des aktiven
Widerstands gegen Hitler ehren wollen. Zugleich haben
sie die von ihren Nationen ausgehende Versöhnung mit uns Deutschen bestätigt.
Vor allem haben sie ihr Vertrauen in Deutschland ausgedrückt – und ihr
Vertrauen in unsere beständige Einbindung in die europäische Gemeinschaft. In der Tat: Die heutige Bundesrepublik Deutschland
ist ein ganz anderer Staat geworden. Ganz anders als zu Zeiten Wilhelms II.,
anders als zu Zeiten Weimars – unvergleichlich besser und zuverlässiger als
Hitlers Unrechtsstaat. Heute muß keiner von uns sein eigenes Leben aufs Spiel
setzen, um eine Unrechtsregierung zu stürzen. Heute muß kein Deutscher sich
in der eigenen Seele mit seinem gespaltenen Bewußtsein quälen, des Nachts
Hitler zum Teufel zu wünschen, aber am nächsten Tage abermals seine Befehle
zu befolgen. Heute leben wir alle unter einer besseren inneren Verfassung und
in einer friedlicheren äußeren Verfassung als jemals die früheren
Generationen. Das ist eine gewaltige Leistung der letzten 60
Jahre. Wir haben diese Leistung allerdings nicht allein und nicht nur aus
eigener Kraft zustande gebracht. Sondern wir verdanken sie unserer Einbettung
in die europäische Gemeinschaft und in das atlantische Bündnis. Wir verdanken
sie unseren Nachbarn. Wir verdanken Sie allen Europäern, die gegen Diktatur
und Unrecht und gegen die Teilung Europas aufbegehrt haben. Zugleich aber legt uns das Vertrauen, das unsere
Nachbarn und das die einstmaligen Sieger heute in uns setzen, dies Vertrauen
legt uns eine schwere Bürde auf. Denn wir allesamt sind belastet mit der
Verantwortung dafür, daß sich die Schrecken der deutschen Vergangenheit nicht
wiederholen dürfen. Das ist eine sehr schwere Verantwortung. Zwar glauben viele, unser heutiger Friede sei doch
selbstverständlich. Aber seit Jahrhunderten haben wir Deutsche uns keineswegs
als eine sonderlich friedfertige Nation erwiesen. Richard von Weizsäcker, als
Bundespräsident am 40. Jahrestag der Kapitulation sprechend, hat sehr
nüchtern festgestellt: „Es gibt keine endgültig errungene moralische
Vollkommenheit – für niemanden und für kein Land! ... Wir bleiben als
Menschen gefährdet.“ Und diese beiden Sätze sind leider die reine Wahrheit. Es ist leider wahr, daß wir Menschen verführbar
sind. Auch wir Deutschen bleiben verführbar. Weil wir einer denkbaren politischen Verführung
widerstehen wollen, deshalb ist es notwendig, sowohl moralisch aus unserer
Geschichte zu lernen als aber auch politisch daraus zu lernen. Der politische
Anfangsfehler wurde im Frühjahr 1930 gemacht. Denn drei Jahre, bevor Hitler
an die Macht kam, ist – über eine nebensächliche Streitfrage – die Weimarer Koalition
zerfallen, welche bis dahin die Reichsregierung getragen hatte. Die
demokratischen Parteien räumten freiwillig das Feld. Sie machten freiwillig
Platz für eine Notverordnungs-Diktatur. So ist 1933 Hitler zur Macht
gekommen, die er sogleich schändlich mißbraucht hat. Die Weimarer große Koalition hat nicht nur sich
selbst aufgegeben, sie hat vor allem die parlamentarische Demokratie
preisgegeben. Aus dieser historischen Tatsache haben wir für heute
und morgen zu lernen. Tatsächlich sind seit 1949 alle acht Bundeskanzler
und ihre politischen Parteien und Fraktionen mit der parlamentarischen
Demokratie sehr viel klüger umgegangen. Sie haben auch in kluger Weise dazu
beigetragen, uns den äußeren Frieden zu erhalten. So haben wir unserem
Grundgesetz und dem Völkerrecht gehorcht, als wir uns dem Krieg im Irak
verweigert haben. Dagegen wenn wir heutzutage an militärischen
Eingriffen in Afghanistan uns beteiligen, dann geschieht es in
Übereinstimmung mit unserem Grundgesetz, in Übereinstimmung mit dem Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen – und gemeinsam mit unseren Verbündeten. Man kann über
solche Einsätze streiten. Jedoch jeder Soldat und jeder Rekrut darf sich
darauf verlassen: Auch künftig werden Bundestag und Bundesregierung unsere
Streitkräfte nur im Gehorsam gegen das Grundgesetz und nur im Gehorsam gegen
das Völkerrecht einsetzen. Liebe junge Soldaten! Ihr habt das große Glück – ganz anders als ich als Rekrut des Jahres 1937! –, Ihr habt das Glück, einer heute friedfertigen Nation und ihrem heute rechtlich geordneten Staat zu dienen. Ihr müßt wissen: Euer Dienst kann auch Risiken und Gefahren umfassen. Aber Ihr könnt Euch darauf verlassen: Dieser Staat wird Euch nicht mißbrauchen. Denn die Würde und das Recht des einzelnen Menschen sind das oberste Gebot – nicht nur für die Regierenden, sondern für uns alle. |